Kontingenz: So – oder doch ganz anders?

Was genau bedeutet der systemische Begriff Kontingenz? Und welche Schlussfolgerungen können wir sowohl in unserem alltäglichen Handeln als auch im systemischen Coaching mit NLP aus diesem Konzept ziehen?

Kontingenz leitet sich von lat. contingentia ab und bedeutet sowohl Möglichkeit als auch Zufall. Denn auf der Grundlage des konstruktivistisch-systemischen Denkens ist alles Wissen flüssig und an die jeweils individuelle Perspektive gebunden: Es könnte so, aber auch anders sein. Die eigene Perspektive bestimmt, welche Kriterien für die Bewertung und Lösung einer Aufgabe relevant erscheinen. Kontingenz heißt die „Möglichkeit und Notwendigkeit, aus mehreren Alternativen auswählen zu können und zu müssen“ (Backhausen / Thommen: Coaching, S. 59).

Der systemische Coach orientiert sich in seiner Arbeit daher nicht an fixen Persönlichkeitskonzepten und Diagnosen. Genauso wenig geht es ihm um die Entscheidung zwischen richtig oder falsch. Stattdessen richtet er seinen Fokus auf die Veränderung der mentalen Zustände, die dem Klienten zum Zeitpunkt des Coachings wenig dienlich sind. Seine Vorannahme als handelnder Beobachter: Bei einem anderen Coach oder zu einer anderen Zeit könnte auch ein ganz anderes Handeln sinnvoll sein.

Die klassische, nicht-konstruktivistischen Weltsicht fußt dagegen auf der Idee, dass der Mensch, eine entsprechende Methodik  vorausgesetzt, Realität weitgehend objektiv wahrnehmen kann. Ursachen und sich daraus ergebende Schlussfolgerungen für das Handeln lassen sich nach dieser Auffassung eindeutig und richtig erfassen. Auf der Grundlage dieses Denkens werden Menschen daher zum Beispiel als Charaktere oder Typen mit stabilen Persönlichkeitsmerkmalen beschrieben. Genauso werden Diagnosen als stabile Beschreibungen von Befunden verstanden, die wiederum als Grundlage für weitere richtige Behandlungsschritte dienen.

Bedeutet also Kontingenz, das Prinzip richtig oder falsch in unserem Handeln einfach durch das Prinzip zufällig und beiläufig zu ersetzen? Natürlich nicht. Auch und gerade das vom systemischen Denken geleitete Handeln fußt auf guter Beobachtung und der akribischen Sammlung von Daten. Doch sowohl der Prozess der Beobachtung als auch die Schlussfolgerungen aus den erhobenen Daten werden immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Schließlich geht es um Flexibilität im Denken und um eine hohe Anpassungsfähigkeit an die sich ständig verändernden Bedingungen. Um die Flüssigkeit seiner Hypothesen und die Flexibilität seines Handelns zu gewährleisten, überprüft beispielsweise der Coach seine Arbeit regelmäßig aus der Metaposition.