Was sind Konflikt-Anker?

Wer kennt das nicht? Man braucht nur die Stimme dieser bestimmten Person zu hören, und schon geht einem wieder die Hutschnur über. Und wenn es nicht ihre Stimme ist, so vielleicht ihr Gesichtsausdruck. Binnen Sekunden kommen intensive unangenehme Emotionen auf. Was passiert in einem solchen Moment und was kann man tun, um aus diesen Emotionen wieder auszusteigen?

Wann immer Menschen beim Kontakt mit anderen in Sekundenbruchteilen in starke Emotionen geraten, sollte man an einen Anker denken. Anker sind willkürliche Reiz-Reaktionskoppelungen, die uns in rasanter Geschwindigkeit dazu bringen, eine programmierte Reaktion abzurufen. Ehe sich der Verstand einschaltet, ist die Reaktion bereits abgelaufen, ob angemessen oder nicht.

Es gibt auch produktive Anker-Reaktionen, zum Beispiel, wenn bestimmte Menschen uns bei einer Begegnung spontan in gute Laune versetzen. Aber Konflikt-Anker verschlechtern Beziehungen und machen es – wenn sie nicht gelöst werden – beinahe unmöglich, wieder zusammenzukommen. Daher die Frage, wie willkürliche Reiz-Reaktionskoppelungen entstehen und wie solche Konflikt-Anker wieder aufgelöst werden können.

Reiz-Reaktionskoppelungen, die konditionierten Verknüpfungen eines willkürlichen und eigentlich beiläufigen Auslösereizes mit einer bestimmten Reaktion, entstehen immer dann in unserem Leben, wenn wir hohe emotionale Intensität erleben. Beispielsweise könnte in der Schulzeit ein Lehrer durch sein Verhalten hochgradigen Stress bei uns ausgelöst haben. Wenn später Menschen durch ihr Äußeres oder ihre Stimmqualität an diesen Lehrer erinnern, meldet sich der gleiche Stress. Dabei ist die Ähnlichkeit zur Ursprungssituation oder zur Person des Lehrers rein willkürlich.

Konflikt-Anker entwickeln sich aber auch zwischen Menschen, wenn sie einen Streit längere Zeit nicht beilegen können. Die bei den vergeblichen Lösungsversuchen verwendeten Schlüsselwörter und das mit ihnen verknüpfte körpersprachliche Handeln wird zu einem Set an Auslösern, das ein routiniertes Konflikt-Reaktions-Programm aktiviert. Der Konflikt-Partner hat nun kaum noch eine Chance, positiv wahrgenommen zu werden. Die Fähigkeiten zum Entwickeln von Empathie und zur Erweiterung der eigenen Perspektiven werden durch Konflikt-Anker buchstäblich auf Eis gelegt.

Was ist der erste Schritt, um sich von einem Konflikt-Anker zu befreien? Oft reicht es zu erkennen, dass die Emotion des Moments auf einem Anker beruht. Das ist so gut wie bei allen sich rasend schnell entwickelnden Emotionen der Fall. Sobald der Anker ins Bewusstsein rückt, hat er meist seine Intensität verloren. Manchmal hilft auch die Frage, an welche andere Person der Ankerauslösende erinnert. Fällt Menschen in diesem Moment beispielweise der alte Lehrer ein, können sie den Konflikt-Partner aus der Gegenwart vom alten Anker trennen und frisch wahrnehmen.

Das Entstehen von Konflikt-Ankern lässt sich nicht verhindern. Doch mit dem Wissen um dieses Phänomen ist jeder in der Lage, wieder aus dem Ankergeschehen auszusteigen. Wenn wir wieder entspannter mit unsere Gegenüber umgehen können, sind wir auch lösungsorientiert und kreativer. Unser Konflikt-Partner belohnt unsere entspanntere Haltung zudem meist mit überraschendem Entgegenkommen. Denn auch er kann sich nun entspannter mit der Situation umgehen.